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Für Dandys, für Divas, für alle!

Posted on 02 Juni 2010

„Mach Neu aus Alt“



Recycling und ein chicer Lebensstil schlossen sich in den 1970er und 80er Jahren noch kategorisch aus. Knorrige Umweltaktivisten trabten Birkenstock beschuht als deutlich sichtbare Opposition zu den Coolen, politisch nicht Korrekten, durch das Stadtbild. Den moralischen Zeigefinger stets gezückt, um auf die Zerstörung der Erde, die Verschwendung von Ressourcen hinzuweisen. Der Menschentyp ‚Öko’ vertrat eine ethische Haltung, Design hingegen galt ihm als oberflächlich und verdächtig. Bunte Farben rochen förmlich nach giftigen Zusatzstoffen.

Seit Ende der Neunziger spricht man nun von einer „zweiten grünen Welle“. Alltagsdinge sollen nicht nur dem Gewissen, sondern auch dem Auge schmeicheln. Niemand, der ressourcen- und umweltschonend leben will, muss heute in Sack und Asche gehen. Design und Recycling sind kein Widerspruch mehr. LOHAS nennt sich diese neue Spezies von Mensch. Gemeint ist der „Lifestyle of Health and Sustainability“, ein Konsum, bei dem es gesund und nachhaltig zugeht und vor allem der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt.

Erste Kritiker wie zum Beispiel Kathrin Hartmann in „Das Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ monieren, dass sich das Konsumverhalten damit nur verschiebt, nicht wirklich ändert. Es gehe eher um die Beruhigung des eigenen Gewissens, denn um die angekündigte Rettung der Welt. Doch ein entscheidender Unterschied zu den 1970ern und 80ern bleibt: Wo vorher selbst Hand angelegt werden musste, soll man Recycling heute auch einfach kaufen können.

Liest man den Untertitel von Henrietta Thompsons Buch „Mach Neu aus Alt“, „Welt retten, Geld sparen, Style haben“ könnte man meinen, es wäre eine Hausbibel für den modernen Loha. Dass dem nicht so ist und dieser Titel eher augenzwinkernd gemeint sein muss, zeigt ein Blick in das Innere des Buches. Nicht weltanschauliche Plattitüden oder ideologisch aufgeladene Ethik sind darin zu lesen und zu sehen. Vielmehr handfeste und stilsichere Ideen für privates Recycling – entwickelt seit den 1950ern von Designern wie kreativen Alltagsmenschen. Nach dem moralischen Zeigefinger für ethisch einwandfreies Verhalten sucht man deshalb vergeblich. Die Nachricht jedenfalls, dass Ästhetik und Recycling sich nicht ausschließen müssen, bleibt erst recht jenseits weltanschaulicher Aufladung eine gute! Die Idee für ihr Buch kam ihr – so Thompson in einem Interview – bereits vor Rezession und Geldkrise. Schon immer war sie interessiert am Umfunktionieren von Designgegenständen im Alltag.

Das zeigt auch ihr Buch „Hero Handy“. Dort untersucht sie die Handhabungen des Mobiltelefons, verschieden nach Kulturen, Milieus und Generationen. Einleitend wirft Thompson einen Doppelblick auf die Recyclinggeschichte von Designern und die findiger Privatbastler: Ein Hocker aus einem roten Traktorsitz von Achille und Per Giacomo Castiglioni ist einer der Anfänge des Umwidmens als ästhetischer Ansatz im Design der 1950er. Nach der ersten Recyclingwelle der 1980er, eher ein Gegenstrom denn der Mainstream der Designer, waren Industrieabfälle das Material, mit dem Design-Rebellen sich der Punkrock-Szene und ihrer Optik anschlossen. So auch 1983 der Künstler Ron Arad mit der Galerie „One off“. Er stellte Skulpturen aus Gerüstteilen und Autositzen aus.

In den 1990ern startete eine zweite Welle unter anderem in den Niederlanden. Designhistorikerin Renny Ramakers und Gijs Bakker gründeten dort das Label Droog Design, einen Ort, an dem Recycling-Design unterschiedlicher Entwerfer auch in Serienproduktion ging. Nach dem Motto „Not macht erfinderisch“ machte zunächst Mangelwirtschaft den Alltagsnutzer zum Wiederverwender. Für Thompson ist die Vielfältigkeit der Dinge der Ausgangspunkt für eine kulturspezifische Wiederverwendung. Die handgenähte Quiltdecke der Pioniere der 1880er zum Beispiel diente als Schlafdecke, Schutz des Planenwagens, als Vorhang oder Transportschutz für zerbrechliche Gegenstände.

Beispiele für Umnutzungen unter dem Sowjetregime stellt der russische Künstler Wladimir A r c h i p o w zusammen: Garnspulen aus Plastikwass e r f l a – schen, der Absatz eines Schuhs umgemodelt als Badewannenstöpsel mit einer Gabel als Griff. In den folgenden fünf Kapiteln, betitelt beispielsweise „Möbelstücke“, „Aufbewahrung“ oder „Beleuchtung und Accessoires“, stellt Thompson nun alltägliche Recyclingmöglichkeiten für jedermann neben die Gestaltungsideen der Designer. Sie wendet sich damit an alle nur möglichen Leser. An denjenigen, der das nötige Kleingeld hat, um das eine oder andere Designerstück zu erstehen und damit weiterhin seiner Lebensart als moderner „Dandy“ oder „Diva“ zu frönen. Es ist aber auch pfiffiges Nachschlagewerk für den Alltagsbastler, der lieber selbst Hand anlegt.

Manchen Gestalter-Entwürfen sieht man nicht an, dass da ein Profi am Werk war. Umgekehrt hat die Designszene auch schon einen Namen für die Gestaltung durch Produktnutzer: Das „nicht-intentionale“ Design. Beispiel für eine recht provisorisch anmutende Gestaltung durch Entwerfer ist die Idee des Litauischen Designers Dimitry Zagga. Für den Apple-Fan lässt er das Prinzip des Kindertelefons, bestehend aus zwei Dosen und einer Schnur, neu aufleben. Aus vier Pappbechern und zwei Zahnstochern baut er so partyfähige Lautsprecher für den iPod.

Dass es beim stylischen Recycling auf eine einfache und trickreiche Umgestaltungen ankommt, zeigt auch Tejo Remy mit dem „Rag Chair“. Dieser Sessel wurde 1991 allein aus übereinander gelegten Kleiderschichten, zusammengehalten mit M e t a l l b ä n d e r n konstruiert. Remy ist Mitglied des n i e d e r l ä n d i s c h e n Des i g n e r k o l l e k t i v Droog. Als eine alltagstaugliche Aktion zum Möbelbau schlägt Thompson dazu vor, das alte Snowboard doch auf Holzbeine zu stellen und als Bank umzunutzen.

Auch die israelische Designergruppe Junktion arbeitet mit einfachen Mitteln. Der alte Koffer bekommt neu als Board Rollen angeschnallt, der ausgediente Reisebegleiter wird mit einer roten Auflage versehen zum Sitzmöbel. Unter der Überschrift „Klopf, klopf!“ stellt Thompson alte Türen als formidable Tischplatten vor. Das Türloch dient als Kanal für das Computerkabel, unter der Briefklappe kann man einen Abfalleimer platzieren.

Je nach Interessensgebiet findet jeder Leser hier gute Tipps und Ideen. Kochkünstler nutzen Omas Bügeleisen zum Herstellen der besten Panninis direkt in der heimischen Küche. Auch Sparfüchse kommen auf ihre Kosten: Die Wassermenge im Toilettenspülkasten zu reduzieren, gelingt mit einer sandgefüllten Plastikflasche. Noch wahrhaft ökologisches Design kann man die von niederländischen Designern Guido Ooms und Karin van Lieshout hergestellten USB-Sticks nennen. Handausgewählte Holzstöcke nehmen die technische Optik des Speichermediums in sich auf. Lampen lassen sich – wie das Buch zeigt – aus fast allem machen: Aus hunderten von Brillen und aus buntem Plastikspielzeug.

Oder – wie Anneke Jakobs aus den Niederlanden – aus den Logos der Chiquita- Bananenkartons, die einzeln ausgeschnitten und gefaltet zu einem Lüster drapiert werden. Auf ihrer Homepage kann sich der Interessierte die Bauanleitung für diesen Hingucker holen. Zu jeder Rubrik bietet Thompson unter dem Titel „Schritt für Schritt“ zusätzlich noch Bauanleitungen an. Eine Hängematte aus Laken und Kletterseil, ein Himmelbett aus alten Besenstilen oder eine Kuchen- Etagere aus Tassen und Tellern mit Porzellankleber hergestellt, lassen sich so nachbauen. Überhaupt ist Thompson scheinbar nie um eine kreative Lösung verlegen: „Was benutzt man zum Abtropfen, wenn alle Durchschläge bzw.

Seiher zu Lampenschirmen und Hängeampeln umfunktioniert worden sind? Einen sauberen Plastikbeutel mit ein paar Löchern im Boden“, schlägt sie vor. Und was benötigt der moderne Privatrecycler, auch ohne zum ‚sammelwütigen Hamsterer‘ zu werden, in seinem Haushalt? Neben einer funktionierenden Werkzeugkiste, Schraubgläser, Weinkorken, dazu Kabel und Drähte sowie „Flitter“ (zum Dekorieren), Schaschlikspieße und „Kinder“ (die das Dekorieren übernehmen).

Im Oktober 2009 nahm das Magazin „jetzt“ Thompsons Buch zum Anlass, einen Wettbewerb für Recyclingideen auszuloben. Einige gute Ideen wurden eingereicht: Eine chice Wandleuchte aus einem ausgedienten Kühlschranklicht, eine Laptophülle aus zwei alten Hemden, ein Reisezahnbürstenbehälter aus einer Filmdose. Einsamer Sieger der Abstimmung war die Wandleuchte. Die Erstausgabe Thompsons Buches bei Thames and Hudson in England, dem Mutterland der Do-ityourself- Bewegung, kam noch etwas bieder daher – das Cover gestaltet mit grauem Tapetenmuster und hellgelbem Rücken. Ganz im Gegensatz zum spritzigen Inhalt. Den hat die deutsche Ausgabe in ansprechender Weise neu übersetzt in ein massives Kartongrau mit blendend orangen Lettern. Der dicke Pappeinband hält sicherlich ewig, doch hat er nun schon den einen oder anderen Fettfleck davon getragen – eben im Zuge der Benutzung des Buches. Aber das macht nichts. Wahrscheinlich fällt dem findigen Nutzer – ganz im Sinne der Autorin – auch für dieses Buch eine neue Verwendungsweise ein. Wie wäre es als Kopfstütze für Körperübungen, als Nachtisch oder als Türstopper?

Christiane Hirsch

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